Wahlmodule

Seit Januar 2024 bietet die Hochschule für Gesundheit Freiburg (HfG FR) im Bachelorstudiengang Pflege eine wichtige Neuerung an: die Wahlmodule. Sie richten sich an Studierende im dritten Bachelorjahr und ermöglichen eine individuellere Schwerpunktsetzung. Dadurch entwickeln die angehenden Pflegefachpersonen vertiefte Kompetenzen in ausgewählten Bereichen und gestalten ihre berufliche Zukunft gezielt mit.
Die Wahlmodule bieten den Studierenden die Möglichkeit, sich je nach Interessen und beruflichen Zielsetzungen vertieft mit bestimmten Themen und spezifischen Bevölkerungsgruppen auseinanderzusetzen. So können die angehenden Pflegefachpersonen einen Teil ihres Studiums gezielt auf einen Bereich ausrichten, indem sie eines der sieben angebotenen Wahlmodule wählen. Im Jahr 2025 wurden fünf der sieben Wahlmodule erstmals durchgeführt.
Durch die Kombination der drei zentralen Elemente des dritten Studienjahres – Wahlmodule, Bachelorarbeit und das Modul Pflegequalität – wird dieses zu einer wichtigen Übergangsphase. Es steht im Zeichen der Profilbildung, der bewussten beruflichen Orientierung und der Vorbereitung auf den Einstieg ins Berufsleben. Mit dieser Neuerung bekräftigt die HfG FR ihr Engagement für eine anspruchsvolle, flexible und zukunftsorientierte Ausbildung, die auf die aktuellen und künftigen Herausforderungen in der Pflege ausgerichtet ist.
Wahlmodul «Gesund sterben»
Das Wahlmodul «Gesund sterben» wurde Anfang 2025 erstmals durchgeführt. Es zielt darauf ab, die zukünftigen Pflegefachpersonen für aktuelle Herausforderungen zu sensibilisieren und ihnen aufzuzeigen, welchen wichtigen Beitrag sie bei der Mitgestaltung gesellschaftlicher Vorstellungen vom Lebensende leisten können.
In diesem Modul analysierten die Studierenden in Gruppen ein Fallbeispiel anhand der Methode des Problembaums. Sie setzten sich dabei mit unterschiedlichen Vignetten auseinander: Frau Aebi, einer Patientin mit Herzinsuffizienz, die sich mit ihrer gesundheitlichen Vorausplanung befasst; Herrn Qari, einem jungen geflüchteten Patienten mit Mukoviszidose und Transplantatabstossung; Herrn Remy, einem hochbetagten Mann mit dem Wunsch nach Suizidbeihilfe; Herrn Brülhart, einen Patienten mit fortgeschrittenem Lungenkrebs und psychischen Störungen; sowie Frau Porchet, einer Patientin mit Trisomie 21 und einem Herzfehler. Dieser Ansatz ermöglichte es, Pflegeinterventionen und deren Wirkungen im Sinne des Konzepts «Gesund sterben» herauszuarbeiten.
Parallel zur Gruppenarbeit wurden theoretische Inhalte vermittelt und den Studierenden so konkrete Instrumente zur Analyse solcher Situationen an die Hand gegeben. Behandelt wurden unter anderem Gesundheitsförderung bis ans Lebensende, Geschichte und gesellschaftliche Vorstellungen von Tod und Gesundheit, gemeinschaftsbasierte Palliative Care, Suizidbeihilfe, Trauer, Spiritualität, gesundheitliche Vorausplanung und Empowerment.
Dieses Wahlmodul bot den Studierenden die Gelegenheit, sich mit Fragen auseinanderzusetzen wie: «Ist es möglich, die Gesundheit bis zum Lebensende zu fördern?» oder «Wo liegen die Grenzen?». Das Feedback der Studierenden fiel positiv aus. Sie betonten, dass sie durch das Modul ihre eigenen Grenzen besser erkennen und Ängste im Zusammenhang mit dem Tod abbauen konnten. Zudem flossen ihre Wünsche nach innovativen Lehrformaten und mehr praktischen Übungsmöglichkeiten in die Weiterentwicklung des Moduls ein. Für die nächste Durchführung wurden Simulationen, ein Praxisbesuch und ein Erfahrungsbericht integriert.


Wahlmodul «Integrative und komplementäre Behandlungsansätze»
Die Nachfrage nach komplementärmedizinischen Behandlungen in der Schweiz steigt stetig. Im Jahr 2022 hatten 30,4 % der Bevölkerung mindestens eine dieser Methoden bereits in Anspruch genommen. Dies ist ein deutliches Zeichen für einen wachsenden Bedarf an integrativer Medizin (BFS, 2024). Integrative und komplementäre Behandlungsansätze bilden eine wertvolle Ergänzung zur konventionellen Medizin und ermöglichen es den Pflegefachpersonen, die Patientinnen und Patienten ganzheitlich zu betrachten – biologisch, psychologisch, sozial und spirituell.
Die American Holistic Nurses Association (AHNA) und die American Nurses Association (ANA) betonen, dass diese Behandlungsansätze nicht nur zur Verbesserung der Lebensqualität beitragen, sondern auch die Zufriedenheit mit der Pflege erhöhen und die Pflegequalität verbessern können (2019). Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkennt die weltweite Vielfalt dieser Ansätze an und würdigt deren Beitrag zur personenzentrierten Versorgung sowie zur Förderung der universellen Gesundheitsversorgung (2024).
Das Wahlmodul ermöglicht den Studierenden, sich mit verschiedenen integrativen und komplementären Behandlungsansätzen vertraut zu machen und diese praktisch zu erproben. Dazu gehören insbesondere Methoden wie Phytotherapie, Aromatherapie, Massagen, Wickel, kommunikative Hypnose, Osteopathie, Reiki, traditionelle chinesische Medizin (TCM) und anthroposophische Ansätze. Darüber hinaus befassen sich die Studierenden in diesem Wahlmodul mit traditionellen Heilmethoden aus der Schweiz und aus anderen Ländern sowie mit kreativen Ansätzen wie dem therapeutischen Erzählen. Sie lernen dabei auch, sich reflektiert mit der Wirksamkeit und Sicherheit dieser Ansätze auseinanderzusetzen und sich dabei auf den ethischen Rahmen von Cohen und Eisenberg (Lunde et al., 2023) zu stützen.
Diese Vielfalt eröffnet den Pflegefachpersonen neue Möglichkeiten, auf die individuellen Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten einzugehen und deren Ressourcen einzubeziehen. Der Fokus liegt nicht nur auf der Behandlung von Symptomen, sondern auch auf der Förderung des Wohlbefindens und der Entwicklung von persönlichem Wissen. Das Wahlmodul bietet die Gelegenheit, die Philosophien und Theorien der ganzheitlichen und personenzentrierten Pflege, die bereits ab dem ersten Studienjahr vorwiegend auf theoretischer Ebene vermittelt werden, praxisnah erlebbar zu machen.
Die bewusste Entscheidung für einen praxisorientierten Ansatz, der auf der Erprobung verschiedener integrativer und komplementärer Methoden beruht, fördert die Entwicklung von Erfahrungswissen bei den Studierenden. Didaktische Formate wie praktische Ateliers, ergänzt durch theoretische Inputs, Fachreferate von Expertinnen und Experten aus der Praxis sowie integrative Seminare, ermöglichen eine vertiefte Auseinandersetzung mit den verschiedenen Konzepten. Der Besuch eines Zentrums für integrative und komplementäre Versorgung, der den Studierenden die Möglichkeit bietet, die Umsetzung dieser Ansätze konkret zu beobachten, stellt eine besonders bereichernde Erfahrung dar.
Integrative und komplementäre Behandlungsansätze sind zukunftsgerichtet, bereichern die Pflegepraxis und stellen den Menschen in seiner Gesamtheit ins Zentrum. Sie erfordern von den Pflegefachpersonen ein erweitertes Verständnis von Gesundheit und Heilung und eröffnen zugleich die Möglichkeit, Pflege neu zu denken: als eine aufmerksame, respektvolle und tiefgehende Begleitung auf dem Weg zu Heilung und Wohlbefinden.

Wahlmodul «Entscheidungsfindung in der Pädiatrie»
Die Ausbildung von Pflegestudierenden in der fundierten Entscheidungsfindung bleibt eine pädagogische Herausforderung. Eine Entscheidung zu treffen bedeutet, über die unmittelbare Intuition hinauszugehen, kognitiven Verzerrungen zu widerstehen und klinische, beziehungsbezogene sowie ethische Aspekte in oftmals ungewissen Kontexten einzubeziehen. Die Pädiatrie ist geprägt von emotionaler Betroffenheit, Familiendynamiken und der besonderen Vulnerabilität von Kindern und stellt damit eine geeignete Lernumgebung dar, um dieser Herausforderung zu begegnen.
Dieses Wahlmodul im Bachelorstudiengang Pflege ist als strukturierte Lernsequenz im Rahmen einer praxisnahen Woche aufgebaut. In den ersten Tagen schärfen die Studierenden ihre Beobachtungsfähigkeiten anhand von Situationen rund um Schwangerschaft, Elternschaft und Neonatologie, indem sie klinische und psychosoziale Indikatoren herausarbeiten. Anschliessend setzen sie sich mit Notfall- und Hospitalisierungssituationen auseinander, die eine strukturierte und kritische Analyse sowie den Einsatz von Evaluationsinstrumenten erfordern, die speziell auf den pädiatrischen Kontext abgestimmt sind. Im weiteren Verlauf befassen sich die Studierenden mit der Pflege zu Hause und der Gesundheitsförderung. Dabei üben sie, fundierte Entscheidungen zu treffen, indem sie pflegerische Therapiepläne erarbeiten, die sowohl fachliche Empfehlungen als auch die Erfahrungen und Perspektiven der jeweiligen Familie einbeziehen. Den Abschluss bilden der Austausch und die Begründung der getroffenen Entscheidungen. In Gesprächen am runden Tisch und interprofessionellen Formaten stehen dabei die ethische Dimension sowie die Urteilsfähigkeit von Kindern im Mittelpunkt.
Nach der ersten Durchführung dieses Wahlmoduls berichteten die Studierenden von einem besseren Verständnis der pädiatrischen Herausforderungen, einer stärkeren Wertschätzung ihrer Rolle als Pflegefachperson sowie von einem gestärkten Vertrauen in ihre Fähigkeit, in heiklen Situationen gemeinsame Entscheidungen zu treffen. Zudem betonten sie, dass die Konfrontation mit emotional anspruchsvollen Situationen ihnen ermöglichte, ihre klinische Vorgehensweise zu überprüfen. Diese Rückmeldungen bestätigen, dass die Pädiatrie ein geeignetes Lernumfeld bietet, um Entscheidungskompetenzen zu entwickeln, die auf das gesamte Berufsfeld der Pflege übertragbar sind.

Wahlmodul «Olympiade des Clinical Reasoning»
Dieses Wahlmodul findet im Rahmen einer Woche statt, die an der HfG FR einzigartig ist. Die Studierenden nehmen an immersiven Wettbewerben teil, bei denen sie ihr klinisches Denken (Clinical Reasoning) in dynamischen und ungewissen Situationen trainieren und dabei Anforderungen, Engagement und Freude am Lernen miteinander verbinden.
Der konzeptuelle Rahmen des Moduls stützt sich auf vier Grundlagen: die intrinsische Motivation (Ryan, R. M., & Deci, E. L. 2000, Self-determination theory and the facilitation of intrinsic motivation, social development, and well-being. American Psychologist, 55(1), 68–78), die zwei Systeme des Denkens (Kahneman, D. 2011, Thinking, fast and slow. Farrar, Straus and Giroux), den erfahrungsbasierten Lernzyklus (Kolb, D. A. 1984, Experiential learning: Experience as the source of learning and development. Prentice Hall) und die Flow-Theorie (Csikszentmihalyi, M. 1990, Flow: The psychology of optimal experience. Harper & Row). Diese Konzepte unterstützen eine aktive, handlungsorientierte Pädagogik, die auf Reflexion und Sinnkonstruktion aus der eigenen Erfahrung setzt.
In fünf Tagen nehmen die Studierenden an sechs inszenierten Wettbewerben teil, in denen sie das ABCDE-Schema sowie zentrale Kompetenzen wie Kommunikation, Priorisierung und Stressmanagement anwenden. Jeder Wettbewerb startet mit einer Anzahl Punkte und führt zu einer provisorischen Rangliste. Dadurch entsteht eine positive Spannung, die die Zusammenarbeit fördert und die Studierenden motiviert, über sich hinauszuwachsen.
Die Szenarien (Unlock the Nursing Code, Caution: High Voltage, Don’t Crack Under Pressure, The Lost Hospital und Journey to Tomorrowland) versetzen die Studierenden in Situationen, in denen Intuition, Kreativität und systematisches Vorgehen gleichzeitig gefragt sind, um komplexe Probleme zu lösen. Die Wettbewerbe sind so gestaltet, dass sie Verzerrungen durch Lärm, Desorientierung, Dunkelheit oder Zeitdruck provozieren, und verdeutlichen, wie entscheidend die konsequente Anwendung des ABCDE-Schemas in allen Kontexten ist. Die Studierenden müssen ihre Hypothesen überprüfen, ihre Entscheidungen begründen und gemeinsam zu einer fundierten Lösung gelangen.
Der abschliessende Wettbewerb Runaway Train ist an eine kollektive Notfallsituation angelehnt und wird in Zusammenarbeit mit spezialisierten Fachpersonen durchgeführt. Er dient der integrierten Anwendung der während der Woche erworbenen Lerninhalte. Dabei werden verschiedene Kompetenzen gestärkt: strukturiertes und kooperatives Denken, Handlungskoordination unter Druck und die Aufrechterhaltung der Qualität des klinischen Denkens in anspruchsvollen Situationen.

Wahlmodul «COIL – Collaborative Online International Learning»
Das Projekt Collaborative Online International Learning (COIL) wurde im Herbst 2024 im Rahmen der Wahlmodule für Studierende der Pflege im dritten Jahr ins Leben gerufen. Es ermöglicht den Teilnehmenden eine virtuelle Mobilität, indem sie online mit Studierenden und Lehrpersonen aus anderen Ländern zu einem gemeinsamen Thema zusammenarbeiten. Ziel dieses innovativen Lehrformats ist die Förderung interkultureller Kompetenzen durch kollaboratives Lernen.
Das Projekt wurde in Zusammenarbeit mit der Hochschule HOGENT (Belgien) umgesetzt und als zweiteiliges Wahlmodul angeboten. Rund 60 Studierende der Pflege, Hebammenwissenschaft und Ergotherapie aus Deutschland, Ruanda, Uganda und Vietnam nahmen daran teil.
Der erste Teil fand vor der offiziellen Woche der Wahlmodule statt und wurde auf Englisch durchgeführt. Drei virtuelle Treffen von jeweils zweieinhalb Stunden ermöglichten den Austausch in kleinen internationalen Gruppen zum Thema «Attitudes towards the elderly person». Die Diskussionen förderten interkulturelles Lernen und waren durch die Vielfalt der beruflichen Kontexte besonders bereichernd. Die Gruppen wurden von Lehrpersonen der Partnerinstitutionen begleitet und erarbeiteten eine Abschlusspräsentation. Den Abschluss dieser Phase bildete der Beitrag eines Experten.
Der zweite Teil richtete sich ausschliesslich an die Studierenden der HfG FR und fand auf Französisch statt. Er wurde während der offiziellen Woche der Wahlmodule durchgeführt. Die Teilnehmenden führten ein Reflexionsjournal, in dem sie überraschende oder irritierende interkulturelle Erfahrungen sowie eigene Perspektiven festhielten und reflektierten. Den Abschluss des Wahlmoduls bildeten eine reflexive Präsentation und eine gemeinsame Diskussion.
Trotz einzelner Herausforderungen im Verlauf des Projekts zeigte sich, dass internationale virtuelle Zusammenarbeit ein wirkungsvolles Instrument darstellt, um den Horizont der Studierenden zu erweitern. Sie fördert kulturelle und berufliche Offenheit, ohne an physische Mobilität gebunden zu sein.
